Verteidigungsfähigkeit ist längst nicht mehr allein eine Aufgabe der Bundeswehr. Beim Innovationsforum Integrierte Sicherheit (IIS) am 23. und 24. Oktober 2026 auf der Messe Stuttgart wurde deutlich: Bundeswehr, Wirtschaft, Behörden, Kommunen, Wissenschaft und Blaulichtorganisationen müssen ihre Kompetenzen stärker zusammenbringen. Für Unternehmen aus dem Nordschwarzwald eröffnet diese Entwicklung zugleich neue Marktchancen, insbesondere als Technologie- und Komponentenzulieferer im Defence- und Dual-Use-Bereich.
Wie grundlegend sich das Verständnis von Sicherheit verändert hat, brachte Kapitän zur See Michael Giss, Kommandeur des Landeskommandos Baden-Württemberg, auf den Punkt: „Gesamtverteidigung ist eine gemeinsame Aufgabe.“ Wenn zivile und militärische Strukturen im Ernstfall zusammenwirken sollen, müsse man sich vorher kennen, Fähigkeiten verstehen und miteinander üben, erläuterte Michael Giss.
Genau diesen Schulterschluss wollte das Innovationsforum Integrierte Sicherheit praktisch erlebbar machen. Bereits die Einladung des Landeskommandos Baden-Württemberg rückte die gemeinsame Bewältigung sicherheitspolitischer Herausforderungen durch Staat, Streitkräfte, Blaulichtorganisationen, Wirtschaft und Wissenschaft in den Mittelpunkt.
Defence als Zukunftsmarkt für die regionale Industrie
Für Unternehmen ist dabei besonders die wirtschaftliche Dimension interessant. Sicherheits- und Verteidigungstechnologien bieten neue Absatz- und Kooperationsmöglichkeiten, ohne dass ein mittelständisches Unternehmen selbst komplette militärische Systeme entwickeln muss.
Ein möglicher Marktzugang führt vielmehr über die Komponenten- und Technologiezulieferung. Besonders interessant sind dabei Felder wie Sensorik, Elektronik, digitale Technologien und neue Materialien. Beim Innovationsforum waren unter anderem Workshops zu Drohnen und KI-gestützter Luftraumüberwachung vorgesehen.
Zu Gast war unter anderem Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut. Sie unterstrich in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Unternehmen für die Landesverteidigung: „Baden-Württemberg bringt große technologische und industrielle Stärken mit, die wir gezielt für unsere Sicherheit nutzbar machen wollen.“ Das Ziel sei, schneller von der Forschung zum einsatzfähigen Produkt zu gelangen, insbesondere bei Technologien, die zivil und militärisch genutzt werden können. Ihren Anspruch formulierte Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut noch deutlicher: „Unsere Sicherheit hängt wesentlich davon ab, was wir selbst entwickeln, produzieren und gemeinsam zum Einsatz bringen können.“
Diese Aussage bietet gerade für die mittelständisch geprägte Wirtschaftsregionen, wie dem Nordschwarzwald, einen wichtigen Ansatzpunkt. Sensorik, Elektronik, Präzisionskomponenten, Werkstoffe, digitale Technologien und Fertigungs-Know-how können mögliche Ansatzpunkte für Unternehmen sein, die ihre bestehenden Kompetenzen für Defence- und Dual-Use-Anwendungen weiterentwickeln wollen. Die konkrete Übertragbarkeit auf einzelne Unternehmen ist dabei jeweils zu prüfen.
Gerade die Drohnenabwehr und Luftraumüberwachung zeigen, dass komplette Systeme aus zahlreichen technologischen Bausteinen bestehen. Für KMU kann deshalb die Frage interessant sein: Welche bereits vorhandenen Produkte, Technologien und Fertigungskompetenzen können Teil einer neuen sicherheits- oder verteidigungsrelevanten Wertschöpfungskette werden?
OPLAN Deutschland: Die Wirtschaft wird zum Partner der Gesamtverteidigung
Doch Unternehmen sind nicht nur als Hersteller und Zulieferer gefragt. Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) verdeutlicht eine zweite Dimension: Im Krisen- oder Verteidigungsfall benötigt Deutschland umfangreiche zivile Unterstützungsleistungen.
Der OPLAN DEU verbindet die militärischen Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung mit den hierzu notwendigen zivilen Unterstützungsleistungen. Laut Bundeswehr betrifft dies die Eskalationsstufen Frieden, hybride Bedrohungslage, Krise und Krieg.
Deutschland kommt dabei als logistischer Drehscheibe der NATO eine besondere Rolle zu. Im Ernstfall müssen laut Bundeswehr bis zu 800.000 alliierte Soldatinnen und Soldaten und 200.000 Fahrzeuge innerhalb von sechs Monaten durch Deutschland verlegt und im Rahmen des Host Nation Support versorgt werden. Dafür werden unter anderem Transport und Umschlag, Unterbringung und Verpflegung, Betankung und Instandhaltung sowie medizinische Versorgung benötigt. Die Bundeswehr stellt ausdrücklich fest, dass dies über längere Zeit nur mit zivil-gewerblichen Partnern möglich ist. Damit wird aus Resilienz auch eine wirtschaftliche und unternehmerische Aufgabe!
Convoy Support Center: Wenn aus Planung konkrete Unterstützung wird
Wie diese Zusammenarbeit aussehen kann, zeigte das auf dem Innovationsforum vorgestellte Convoy Support Center (CSC) besonders anschaulich. In der Messehalle wurden Teileinheiten, unter anderem Sanitätsversorgung, Feldküche und ein Reparaturbereich, beispielhaft gezeigt. Damit wurde sichtbar, wie Bundeswehr- oder NATO-Verbände bei einer Verlegung durch Baden-Württemberg unterstützt werden könnten.
Die Bandbreite möglicher Unterstützungsleistungen ist groß: Sie reicht laut Bundeswehr von Schutz und Sicherung, Verkehrsleitung und Transport über Unterbringung, Verpflegung und Betankung bis zu Instandhaltung und medizinischer Versorgung.
Für Unternehmen bedeutet das: Die wirtschaftliche Rolle in der Gesamtverteidigung reicht weit über klassische Rüstungsproduktion hinaus. Logistik, Transport, Instandhaltung, Versorgung und weitere gewerbliche Dienstleistungen werden ebenfalls zu wichtigen Bausteinen einer resilienten Sicherheitsarchitektur.
Sicherheit wird im Netzwerk organisiert
Den besonderen Charakter des Forums unterstrich die begleitende Ausstellung von Bundeswehr und Blaulichtorganisationen. Auf der Messe waren unter anderem ein Leopard 2, Feuerwehrfahrzeug, Fahrzeuge von Bergwacht, THW und DLRG sowie ein Rettungshubschrauber des SAR-Dienstes vertreten.
Die Verbindung aus Fachvorträgen, Workshops, Ausstellung und direktem Austausch machte Sicherheit damit praktisch greifbar und bot zugleich Gelegenheit zu Diskussion und Vernetzung. Die offizielle Einladung hatte den fachlichen Austausch, die Vernetzung und die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven ausdrücklich als Ziel formuliert. Dass es dabei nicht allein um Anschauungsmaterial, sondern um konkrete Lösungen geht, fasste Kapitän zur See Michael Giss treffend zusammen: „Wenn man mal anfängt, sich wirklich mit den Dingen zum Anfassen zu beschäftigen, dann kommt man auch schnell zu Best Practices.“
Chance und Verantwortung für den Nordschwarzwald
Für die Unternehmen im Nordschwarzwald vermittelt das Innovationsforum Integrierte Sicherheit damit zwei zentrale Botschaften:
Erstens: Defence, Sicherheit und Dual Use können neue Geschäftsfelder für Technologie- und Industrieunternehmen eröffnen. Gerade der Einstieg über Komponenten, Technologien und spezialisierte Fertigungskompetenzen kann eine Möglichkeit sein, bestehendes Know-how in neue Märkte zu übertragen.
Zweitens: Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Versorgungssicherheit werden selbst zu Bestandteilen einer resilienten Gesellschaft. Der OPLAN Deutschland macht deutlich, dass eine funktionierende Landes- und Bündnisverteidigung ohne zivile Partner und deren Leistungen nicht zu gewährleisten ist. Oder, mit den Worten von Michael Giss: „Gesamtverteidigung ist eine gemeinsame Aufgabe.“
Für den Nordschwarzwald liegen darin Chance und Verantwortung zugleich: Die industrielle Kompetenz der Region kann neue sicherheitsrelevante Märkte erschließen und gleichzeitig einen Beitrag zur Resilienz und Verteidigungsfähigkeit Deutschlands leisten.
