Aus dem Transformationsbeirat
Experten-Impuls von Prof. Dr. Bernhard Kölmel
Ich beobachte derzeit mit großer Aufmerksamkeit, wie sich die Kräfteverhältnisse in der internationalen Automobilindustrie verschieben. Deutsche Hersteller, lange Zeit technologische Taktgeber im globalen Automobilmarkt, greifen in China zunehmend auf lokale Partner zurück. Plattformen, Elektronikarchitekturen, Entwicklungstempo und Kosteneffizienz chinesischer Anbieter gelten in vielen Bereichen inzwischen als überlegen.
Beispiele dafür gibt es mehrere: Volkswagen nutzt in China bereits Modelle und Plattformen mit chinesischem Know-how; Audi geht mit einer neuen, speziell für den chinesischen Markt entwickelten Marke auf Basis von SAIC-Technik besonders weit. Auch BMW, Mercedes und Opel setzen bei einzelnen Modellen oder Marken auf chinesische Entwicklungs- und Technologiepartnerschaften. Die zentrale Botschaft dahinter ist eindeutig: In China sind deutsche Hersteller nicht mehr selbstverständlich die Lehrmeister – sie werden zunehmend selbst zu Lernenden.
Für die Zulieferindustrie im Nordschwarzwald ist diese Entwicklung mehr als eine Nachricht aus einem fernen Markt. Sie ist ein Signal für den Strukturwandel, der auch unsere regionale Wirtschaft betrifft. Der Wettbewerbsdruck steigt nicht nur über den Preis, sondern vor allem über Geschwindigkeit, Softwarekompetenz, Systemintegration und die Fähigkeit, sich schnell in neue technologische Plattformen einzufügen. Klassische Komponenten bleiben wichtig. Aber sie werden zunehmend Teil größerer, intelligenter Systeme. Gefragt sind modulare Lösungen, Elektronik, Sensorik, Batterie- und software-nahe Fähigkeiten sowie ein gutes Verständnis für digitale Fahrzeugentwicklung und internationale Plattformarchitekturen. Wer weiterhin ausschließlich als Teilelieferant denkt, gerät leichter unter Druck. Wer dagegen technologische Nischen besetzt und Systemkompetenz aufbaut, kann neue Chancen nutzen.
Aus meiner Sicht stellt sich für viele Unternehmen deshalb eine strategische Frage: Es geht nicht mehr nur darum, was produziert wird. Entscheidend ist zunehmend, wie schnell sich ein Unternehmen in neue Entwicklungslogiken, Wertschöpfungsketten und Kooperationsmodelle einfügen kann. Besonders betroffen sind Zulieferer, die stark von wenigen deutschen Premiumherstellern abhängen oder überwiegend standardisierte Metall-, Kunststoff- oder mechanische Komponenten liefern. Gleichzeitig entstehen Chancen für spezialisierte Unternehmen, die sich etwa in den Bereichen E-Mobilität, Leichtbau, Automatisierung, Elektronik, Sensorik oder intelligente Module differenzieren können.
Meine Einschätzung ist: Der technologische Takt wird stärker international gesetzt – und zunehmend auch außerhalb Deutschlands. Für den Nordschwarzwald bedeutet das, Transformation nicht nur als Anpassung an neue Antriebe zu verstehen, sondern als umfassende Veränderung von Entwicklungsprozessen, Geschäftsmodellen, Kooperationen und Kompetenzen.
Gerade deshalb ist der Austausch im Transformationsbeirat so wichtig. Wir brauchen Räume, in denen solche Entwicklungen frühzeitig eingeordnet und auf ihre Bedeutung für die regionale Wirtschaft übersetzt werden. Das Transformationsnetzwerk Nordschwarzwald kann dabei helfen, Unternehmen zu sensibilisieren, strategische Handlungsfelder sichtbar zu machen und den Dialog zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Intermediären weiter zu stärken.
Kurz gesagt: Die Entwicklung in China ist ein Warnsignal – aber auch ein Anstoß. Wer schneller lernt, kooperiert und sich technologisch differenziert, kann auch in einem veränderten globalen Wettbewerb eine starke Rolle einnehmen.