TraFoNetz Transformationslounge mit Workshop-Charakter
Im Kern geht es Nagel zufolge um eine strategische Kehrtwende: Nur wenn der heimische Mittelstand den Sprung von der reinen Hardware-Produktion hin zu smarten, datengesteuerten Services schaffe, entstünden langfristig hochqualifizierte Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Strahlkraft des Nordschwarzwalds bleibe erhalten.
„Marcel Nagel hat uns den Spiegel vorgehalten“, sagt Jochen Protzer, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald GmbH (WFG). „Wer nur seine internen Abläufe digitalisiert, aber das Produkt analog lässt, steuert sehenden Auges in die Austauschbarkeit – zum Nachteil der Wettbewerbsfähigkeit und letztlich der Arbeitsplätze in der Region.“
Im Nachgang der „Transformationslounge“ in Engelsbrand hat TraFoNetz bei dem Impulsredner Marcel Nagel nachgehakt. Nachfolgend das Interview mit dem erfahrenen Trainer und Berater.
TraFoNetz: Herr Nagel, fassen Sie Ihren einstündigen Vortrag bei der TraFoNetz-Transformationslounge in aller Kürze zusammen.
Marcel Nagel: Digitalisierung gehört ins Produktmanagement, weil dort Markt, Kunde und Geschäftsmodell zusammenlaufen. Entscheidend ist, digitale Fähigkeiten gezielt zur Differenzierung von Produkten und Leistungen einzusetzen. Unternehmen müssen weg von rein interner Prozessoptimierung hin zu datenbasierten, marktorientierten Entscheidungen und skalierbaren, oft digitalen, Geschäftsmodellen.
Sie sagen, dass Digitalisierung nicht in die IT, sondern ins Produktmanagement gehört. Warum ist das Produktmanagement die richtige Adresse?
Diese Aussage ist nicht persönlich gemeint und lässt sich nicht pauschal auf jede Organisation übertragen. Grundsätzlich erfüllt die IT jedoch eine interne Dienstleistungsfunktion – vergleichbar mit einer Entwicklungsabteilung. Ihre Leistungen müssen sich am Markt, am Kunden und am Geschäftsmodell orientieren. Die Verantwortung dafür liegt im Produktmanagement. Dort werden Produkte und Leistungen gesteuert, priorisiert und weiterentwickelt. Entsprechend sollte auch die digitale Ausrichtung hier verankert sein. Das Produktmanagement verbindet Marktverständnis mit Produktverantwortung und ist damit der richtige Ort, um Digitalisierung gezielt einzusetzen.
IT und Entwicklung bleiben dabei zentrale Partner – jedoch mit klaren Rollen und Kompetenzen.
Aktuelle Studien zeigen, dass der Mittelstand vor allem interne Prozesse digitalisiert, aber das eigentliche Produkt analog lässt. Warum ist das langfristig eine gefährliche Strategie für die Unternehmen in der Region Nordschwarzwald?
Unternehmen, die ihre Produkte und Leistungen unverändert lassen, erhöhen ihre Austauschbarkeit im Markt. Differenzierung entsteht zunehmend über digitale Mehrwerte. Wer Digitalisierung ausschließlich intern nutzt, verbessert zwar Effizienz, verpasst aber die Chance, sich gegenüber dem Kunden klar abzuheben. Langfristig führt das zu Preisdruck und sinkender Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidend ist daher die Kombination aus interner Effizienzsteigerung und externer Differenzierung durch digitale Produkte und Services.
Sie bezeichnen die Digitalisierung als das neue Betriebssystem für Organisationen. Was passiert mit Unternehmen, die versuchen, ihre Marktanteile im Jahr 2026 noch mit einem analogen Windows 95 zu verteidigen?
Digitalisierung ist ein Werkzeug. Wer mit veralteten Werkzeugen arbeitet, ist in der Regel weder effizient noch wettbewerbsfähig. Hinzu kommt ein erhöhtes Risiko – insbesondere im Bereich IT-Sicherheit, wo veraltete Systeme erhebliche Schäden verursachen können.
Unternehmen, die nicht modernisieren, verlieren Geschwindigkeit, Anpassungsfähigkeit und letztlich Marktanteile.
In vielen Firmen gewinnt bei der Produktplanung immer noch die lauteste Stimme oder das Bauchgefühl. Wie genau verändert eine datenbasierte Roadmap die Machtverhältnisse am Konferenztisch?
Bauchgefühl wird auch künftig eine Rolle spielen. Erfolgreicher sind jedoch Unternehmen, die Entscheidungen systematisch auf Daten stützen. Eine datenbasierte Roadmap verschiebt die Entscheidungsgrundlage von Meinung hin zu nachvollziehbaren Fakten. Das erhöht die Qualität und Geschwindigkeit von Entscheidungen. Dabei ist die Führungskultur entscheidend. Unternehmen müssen gezielt Wissen über Märkte, Produkte und Nutzung aufbauen. Der Wettbewerbsvorteil entsteht daraus, dieses Wissen zu teilen, digital zu nutzen und zu skalieren.
Digital Twin, IoT und Remote-Monitoring – das klingt nach teuren Ingenieurs-Spielereien. Welchen echten Euro-Vorteil hat ein Kunde am Ende davon, wenn er für einen „digitalen Zwilling“ bezahlt?
Der wirtschaftliche Nutzen liegt zum Beispiel in messbaren Effekten: reduzierte Stillstandszeiten, geringere Wartungskosten und eine längere Lebensdauer von Anlagen. Durch vorausschauende Wartung können Ausfälle vermieden werden. Remote-Monitoring reduziert Serviceeinsätze vor Ort. Gleichzeitig steigt die Transparenz über den Betrieb. Am Ende zahlt der Kunde für höhere Verfügbarkeit, planbare Kosten und geringere Risiken.
Vom Verkauf zur Dienstleistung: Pay-per-Use oder Abomodelle sind im B2B-Umfeld im Kommen. Ist der deutsche Mittelstand mental überhaupt schon bereit, Maschinen nicht mehr zu verkaufen, sondern nur noch deren Nutzung zu berechnen?
Auf der Anbieterseite ist die Bereitschaft zunehmend vorhanden und es existieren bereits zahlreiche funktionierende Modelle. Auf der Kundenseite – insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau – dominiert jedoch häufig noch die Präferenz für Besitz statt Nutzung. Diese Entwicklung wird Zeit benötigen. Dennoch ist davon auszugehen, dass sich nutzungsbasierte Modelle langfristig durchsetzen werden.
Sie verfügen über mehr als 25 Jahre Praxiserfahrung. Was ist in der Umsetzung schwieriger zu installieren?
Eindeutig das digitale Mindset. Technologie lässt sich implementieren. Die größere Herausforderung ist die Veränderungsbereitschaft in den Köpfen – auf allen Ebenen, einschließlich Führung und Geschäftsleitung. Ohne diese Bereitschaft bleiben selbst die besten Systeme wirkungslos.
Viele Geschäftsführer schrecken vor der Digitalisierung zurück, weil sie riesige Investitionen befürchten. Wie kann ein Unternehmen jetzt direkt ohne ein Millionenprojekt starten?
Entscheidend ist, überhaupt zu starten. Stillstand bedeutet Rückschritt. Der richtige Ansatz ist: klein beginnen, schnell testen, schnell lernen und gezielt nachsteuern. Dabei muss nicht jeder Fehler selbst gemacht werden. Externe Expertise kann helfen, typische Risiken zu vermeiden und die Umsetzung zu beschleunigen.
Wir leben in unruhigen Zeiten. Inwiefern hilft ein digital unterstütztes Produktmanagement einem Unternehmen dabei, bei der nächsten Markt-Erschütterung nicht sofort ins Wanken zu geraten?
Ein digital unterstütztes Produktmanagement schafft Transparenz über Markt, Nutzung und Leistung. Dadurch können Veränderungen früh erkannt und schneller bewertet werden. In Kombination mit datenbasierten Entscheidungen und flexiblen Strukturen erhöht sich die Reaktionsgeschwindigkeit erheblich. Das Ergebnis ist eine höhere Resilienz: Unternehmen können schneller anpassen, priorisieren und damit stabiler und widerstandsfähiger bleiben.
Wenn Sie den Entscheidern hier in Engelsbrand nur eine einzige „Hausaufgabe“ mitgeben könnten, welche wäre das?
Beschäftigen Sie sich mit Ihren Engpässen – nicht mit konkreter Software. Analysieren Sie, wo heute Zeit und Geld verloren gehen und welche Voraussetzungen nötig sind, um diese Engpässe zu beseitigen. Fragen Sie sich, was sich ändern oder erreicht werden müsste, damit Sie ihre Ziele erreichen. Darauf aufbauend lassen sich gezielt digital unterstützte Lösungen ableiten, die echten Mehrwert schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit, sowie Widerstandsfähigkeit des Unternehmens erhöhen.
Quelle/Autor: Gerd Lache