/
/
Mut zur Zukunft: Warum Creative Disruption der Schlüssel für den Nordschwarzwald sein kann

Mut zur Zukunft: Warum Creative Disruption der Schlüssel für den Nordschwarzwald sein kann

Bericht aus dem Transformationsbeirat

von Dr. Bernhard Koelmel

Einleitung: Eine Region vor dem Wendepunkt

Der Nordschwarzwald ist eine der wirtschaftsstärksten Regionen Baden-Württembergs – geprägt von mittelständischen Weltmarktführern, einer hohen Ingenieursdichte und einer jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte in der Automobil- und Zulieferindustrie. Doch genau diese Stärke wird nun zur Herausforderung: Die Antriebswende, die Digitalisierung und geopolitische Verwerfungen zwingen die Region zu einem fundamentalen Wandel. Wer heute nur das Bestehende optimiert, riskiert morgen den Anschluss zu verlieren. Wer aber den Mut hat, Konventionen gezielt zu brechen, kann gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Dr. Bernhard Koelmel zeigt in seinem Beitrag „Mut zur Zukunft: Warum Creative Disruption der Schlüssel für den Nordschwarzwald sein kann“, wie dieser Wandel gelingen kann – mit einer klaren Methodik, einem starken Netzwerk und einem konkreten Ereignis als Höhepunkt: dem TraFoNetz Jahreskongress 2026.

Die Ausgangslage: Nordschwarzwald im Umbruch

Die Region lebt von der Automobil- und Zulieferindustrie. Zahlreiche Unternehmen – oft familiengeführt, hochspezialisiert und technologisch führend – hängen direkt oder indirekt an der Wertschöpfungskette des Verbrennungsmotors. Mit dem Übergang zur Elektromobilität entfallen viele Komponenten, die hier gefertigt werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Software, Sensorik und datengetriebene Geschäftsmodelle.

Hinzu kommen:

  • Abhängigkeit von wenigen Großabnehmern: Viele Zulieferer sind stark auf einzelne Automobilhersteller ausgerichtet. Fällt ein Auftrag weg, droht Existenzgefahr.
  • Schwache Konjunktur: Die globale Nachfrage nach Fahrzeugen stagniert, der Wettbewerbsdruck aus Asien und Nordamerika wächst.
  • Geopolitische Risiken: Handelskonflikte, Lieferkettenprobleme und Energiekosten belasten die Produktion.
  • Fachkräftemangel: Gleichzeitig fehlen qualifizierte Arbeitskräfte für neue Technologiefelder.

Kurzum: Der Nordschwarzwald steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Doch Krise und Chance liegen eng beieinander – wenn die Region den Mut zur Zukunft aufbringt.

Creative Disruption: Ein Konzept mit Geschichte

Der Begriff „Creative Disruption“ geht auf Jean-Marie Dru zurück, den Präsidenten der Werbeagentur TBWA. Bereits 1992 prägte er den Begriff und gab dem damals negativ besetzten Wort „Disruption“ eine positive Wendung. Für Dru bedeutet Disruption nicht Zerstörung, sondern das gezielte Brechen von Konventionen – ein radikaler Wandel, ohne die Verbindung zur Vergangenheit zu kappen.

Dru entwickelte eine methodische Struktur, die in drei Schritten abläuft:

  1. Identifikation von Konventionen: Welche ungeschriebenen Regeln bestimmen das heutige Handeln? Welche Denkmuster blockieren Innovation?
  2. Die eigentliche Disruption: Bewusstes Infrage stellen und Durchbrechen dieser Konventionen – nicht chaotisch, sondern strategisch geplant.
  3. Formulierung einer neuen Vision: Aus der Disruption entsteht ein neues Zukunftsbild, das Orientierung gibt und Mitarbeitende mitnimmt.

Wichtig ist die Abgrenzung zur Disruptive Innovation nach Clayton Christensen (The Innovator’s Dilemma, 1997). Christensen beschreibt einen Marktprozess, bei dem neue Anbieter am unteren Marktende ansetzen und dann entlang der Wertschöpfungskette nach oben vorstoßen. Dru verfolgt hingegen ein breiteres, praktisches Verständnis: die aktive Gestaltung radikaler Veränderung, nicht die Analyse vergangener Marktbewegungen.

Für den Nordschwarzwald bedeutet das: Es geht nicht darum, die erfolgreiche Vergangenheit zu verleugnen, sondern darum, sie als Fundament zu nutzen und darauf etwas radikal Neues zu bauen.

Das TraFoNetz: Ein Netzwerk für die Transformation

Um diesen Wandel zu gestalten, wurde das Transformationsnetzwerk TraFoNetz ins Leben gerufen. Es hat sich als regionaler Impulsgeber etabliert – mit beeindruckenden Zahlen:

  • Fast 750 Besuche bei Unternehmen der Region vor Ort , davon rd. 400 Erstbesuche  
  • Über 170 Veranstaltungen
  • Mehr als 11.000 Teilnehmende

Diese Zahlen belegen den enormen Bedarf an strukturierter Begleitung. Das TraFoNetz arbeitet mit einem Modell, das an Dru’s Methodik anschlussfähig ist: den drei Horizonten der Transformation.

Die drei Horizonte der Transformation

Horizont 1: Das Kerngeschäft sichern

In diesem ersten Schritt geht es darum, die bestehenden Geschäftsprozesse zu stabilisieren und zukunftsfähig zu machen. Digitalisierung und Automatisierung stehen im Vordergrund. Viele Unternehmen im Nordschwarzwald haben hier Nachholbedarf – sei es bei der Vernetzung von Maschinen, der Einführung von ERP-Systemen oder der Nutzung von Datenanalyse.

Die Hochschule Pforzheim stellt dafür Future Labs bereit. In diesen Labors können Unternehmen KI-Anwendungen erproben, ohne sofort hohe Investitionen tätigen zu müssen. Von der Predictive Maintenance bis zur Qualitätskontrolle durch Machine Learning – die Future Labs bieten eine geschützte Umgebung, um neue Technologien kennenzulernen und auf den eigenen Betrieb zu übertragen.

Horizont 2: Kernkompetenzen in neue Märkte tragen

Hier wird die Frage beantwortet, wo bestehende Fähigkeiten – etwa in der spanenden Bearbeitung, der Mechatronik oder der Kunststoffverarbeitung – in neuen Märkten eingesetzt werden können. Ein Zulieferer von Getriebeteilen könnte beispielsweise sein Know-how in der Präzisionsfertigung nun für die Medizintechnik oder die Luftfahrt nutzen. Ein Hersteller von Sensoren könnte seine Technologie für die Gebäudeautomation oder die Landwirtschaft adaptieren.

Die Systematik des TraFoNetz sieht hierfür Diversifizierungs-Workshops vor. In moderierten Sessions analysieren Unternehmen ihre Kernkompetenzen, identifizieren angrenzende Märkte und entwickeln erste Geschäftsideen. Der Austausch mit anderen Unternehmen und Expertinnen und Experten hilft, blinde Flecken zu erkennen und neue Wege zu gehen.

Horizont 3: Radikale Neuerungen wagen

Der dritte Horizont ist der anspruchsvollste: Es entstehen Geschäftsmodelle, die es in dieser Form nicht gab. Ein Beispiel ist die Entwicklung hin zu software-definierten Fahrzeugen. Hier wird Daten zum zentralen Rohstoff, und die Wertschöpfung verschiebt sich von der Hardware zur Software und zu digitalen Diensten. Für viele traditionelle Zulieferer bedeutet das eine völlig neue Rolle – weg vom Teilelieferanten, hin zum Systemanbieter oder Plattformbetreiber.

Diese Entwicklung kann kein Unternehmen für sich allein bewältigen. Das Prinzip der Kooperation schafft die notwendigen Bündnisse: Ein Maschinenbauer tritt in den Austausch mit einem IT-Dienstleister, ein Zulieferer kooperiert mit einem Start-up, ein Mittelständler mit einer Forschungseinrichtung. Diese Konstellationen sind der Nährboden für disruptive Lösungen.

Gemeinsam statt einsam: Das strategische Bündnis

Die Transformation ist eine langfristige Gemeinschaftsaufgabe. Das TraFoNetz ist daher als strategisches Bündnis aus Wirtschaft, Wissenschaft, Arbeitsmarkt und Sozialpartnern organisiert. Zu den Partnern gehören:

  • Konsortialführung: Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald GmbH
  • Wissenschaftlicher Transfer: Hochschule Pforzheim
  • IHK Nordschwarzwald: Unterstützung bei Fragen der Aus- und Weiterbildung, Netzwerkzugang
  • Handwerkskammer Karlsruhe: Einbindung des Handwerks, das oft unterschätzt wird, aber für die Transformation unverzichtbar ist
  • Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim: Begleitung von Qualifizierungsmaßnahmen, Arbeitsmarktintegration
  • AgenturQ (IG Metall und Südwestmetall): Sozialpartnerschaftliche Begleitung, Sicherung von Beschäftigung und Mitbestimmung

Diese Konstellation ermöglicht es, die Transformation nicht als Schicksal zu betrachten, sondern als aktiv gestaltbaren Prozess. Sie sorgt dafür, dass wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte gleichermaßen berücksichtigt werden.

Fazit: Mut zur Zukunft

Der Nordschwarzwald steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Doch die Region hat etwas, das viele andere nicht haben: ein stabiles Netzwerk, eine klare Methodik und den Mut zur Zukunft. Creative Disruption nach Jean-Marie Dru bietet den theoretischen Rahmen, das TraFoNetz die praktische Umsetzung. Es geht nicht darum, alles Bestehende infrage zu stellen – sondern darum, Konventionen gezielt zu brechen, um Neues zu ermöglichen.

Die drei Horizonte zeigen einen Weg auf: Erst das Kerngeschäft sichern, dann Kernkompetenzen in neue Märkte tragen, schließlich radikale Neuerungen wagen. Dieser Weg ist anspruchsvoll, aber er ist gangbar – wenn alle Akteure an einem Strang ziehen.

Mut zur Zukunft – der Nordschwarzwald macht sich auf den Weg.

Quelle: Dr. Bernhard Koelmel, „Mut zur Zukunft: Warum Creative Disruption der Schlüssel für den Nordschwarzwald sein kann“, LinkedIn Pulse, 18. September 2026.