Künstliche Intelligenz und digitale Technologien verändern nicht nur Unternehmen und Arbeitsplätze, sondern auch die Anforderungen an Schule, Ausbildung und berufliche Qualifizierung. Für eine industriell und mittelständisch geprägte Region wie den Nordschwarzwald stellt sich deshalb die Frage, wie junge Menschen, Lehrkräfte und betriebliche Ausbilder frühzeitig auf diese Veränderungen vorbereitet werden können.
Dr. Diana Knodel hat einen familiären Bezug zum Nordschwarzwald, ist Informatikerin, Bildungsforscherin sowie Gründerin und Geschäftsführerin von fobizz. Das Unternehmen entwickelt digitale Fortbildungen, Unterrichtsmaterialien und KI-Werkzeuge für Lehrkräfte und Schulen. In einem Interview sprechen wir darüber, welche Kompetenzen künftig benötigt werden, wie KI sinnvoll in Schule und Ausbildung eingesetzt werden kann und welche Unterstützung berufliche Schulen und Lehrkräfte benötigen.
Interview der Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald mit Dr. Diana Knodel, Gründerin und Geschäftsführerin von fobizz
Jochen Protzer: Künstliche Intelligenz ist inzwischen im Alltag vieler Schülerinnen und Schüler angekommen. Wie grundlegend verändert KI aus Ihrer Sicht das Lernen und Lehren?
Dr. Diana Knodel: Lernen selbst funktioniert weiter nach denselben Prinzipien: Man versteht etwas, wenn man sich damit auseinandersetzt, Fehler macht und Rückmeldung bekommt. Daran ändert kein Sprachmodell etwas. Und die Rolle der Lehrkraft wird dadurch nicht kleiner, sondern wichtiger – wer Lernprozesse begleitet, Feedback gibt und einordnet, wird gerade jetzt gebraucht. Was sich ändern muss, ist die Leistungsmessung. Jede schriftliche Arbeit, die zu Hause entsteht, ist als Nachweis individueller Leistung nicht mehr belastbar. Diese Frage lässt sich nicht mit einem Verbot lösen, sondern nur mit einer veränderten Prüfungskultur: mehr mündliche Anteile, mehr Prozessbegleitung, mehr Aufgaben, bei denen die eigene Denkleistung sichtbar wird. Und klare Regeln, wie und wo KI genutzt werden darf.
Auch Eltern erleben den raschen Einzug von KI in Schule und Alltag häufig mit Unsicherheit. Ein regionaler digitaler Elternabend könnte technische Grundlagen, Chancen und Risiken sowie alltagstaugliche Regeln vermitteln. Welche Fragen beschäftigen Eltern derzeit besonders?
Ein Elternabend sollte vor allem eines leisten: eine nüchterne Erklärung, was diese Systeme tun und was nicht. Wir bieten regelmäßig digitale Elternabende an, und es sind fast immer dieselben Fragen: Ist das Betrug, wenn mein Kind KI nutzt? Ist es benachteiligt, wenn es keine nutzt, andere aber schon? Verlernt es dadurch, selbst zu denken und zu schreiben? Was passiert mit den Daten, und ab welchem Alter ist das in Ordnung? Und ganz zentral: Lohnt sich der Beruf, den mein Kind lernt, überhaupt noch?
Unsere regionalen Unternehmen berichten, dass neben fachlichen Kenntnissen vor allem Lernfähigkeit, Eigenverantwortung, Veränderungsbereitschaft und Problemlösungskompetenz an Bedeutung gewinnen.Welche Kompetenzen sollten Schülerinnen und Schüler heute erwerben, um auf eine zunehmend digitale und KI-geprägte Arbeitswelt vorbereitet zu sein?
Ihre Einordnung teile ich – mit einer Ergänzung: Übergreifende Kompetenzen sind nicht ohne Fachwissen zu haben. Kritisch mit KI-Ergebnissen umzugehen heißt, beurteilen zu können, ob ein Ergebnis stimmt. Das kann nur, wer über das Thema selbst etwas weiß. Die These, Fachwissen sei jetzt weniger wichtig, halte ich für falsch – und sie lässt sich inzwischen leicht widerlegen: Wer ohne Sachkenntnis liest, erkennt Fehler nicht.
Konkret sind drei Dinge relevant: Erstens ein technisches Grundverständnis: Was ein Sprachmodell tut und was nicht – es ist kein Wissensspeicher, es rechnet mit Wahrscheinlichkeiten und gibt die wahrscheinlichste Antwort aus. Zweitens Urteils- und Prüffähigkeit: Ergebnisse gegenprüfen, Quellen verlangen, Fehler erkennen. Drittens Verantwortungsbewusstsein: Wer ein Ergebnis weitergibt, ist dafür verantwortlich – im Betrieb genauso wie in der Schule.
Welche besondere Rolle spielen berufliche Schulen bei der digitalen Transformation von Wirtschaft und Arbeitswelt? Unterscheidet sich der sinnvolle Einsatz von KI an beruflichen Schulen von dem an allgemeinbildenden Schulen?
Berufliche Schulen haben einen Vorteil, den allgemeinbildende Schulen nicht haben: Der Anwendungskontext ist in vielen Fällen ganz offensichtlich.
Damit unterscheidet sich auch der sinnvolle Einsatz. An allgemeinbildenden Schulen geht es stärker um Grundverständnis und Medienkompetenz. An beruflichen Schulen geht es um die Werkzeuge, die im Betrieb tatsächlich eingesetzt werden – im Büromanagement um Assistenzsysteme in Office-Umgebungen, bei Mediengestaltern um generierte Bilder und Urheberrecht, in der Pflege um Dokumentation, in technischen Berufen um Diagnose und Fehlersuche. Und es geht um berufsspezifische Grenzen: Welche Daten darf ich überhaupt in ein System eingeben? Sind ggf. Kunden- oder Gesundheitsdaten im Spiel? Das ist eine sehr praktische Frage, die man nicht allgemein beantworten kann. Wichtig ist außerdem eine Differenzierung, die in der Debatte oft fehlt: Berufsbilder verändern sich unterschiedlich stark. Pauschale Aussagen über „die Arbeitswelt“ helfen den Schulen nicht.
Viele Lehrkräfte stehen unter erheblichem Zeit- und Arbeitsdruck. Kann KI tatsächlich zu einer spürbaren Entlastung beitragen?
Entlastung entsteht nur, wenn Werkzeuge in bestehende Abläufe passen. Wenn eine Lehrkraft fünf Plattformen mit fünf Zugängen bedienen muss, ist der Effekt aufgebraucht, bevor er entsteht. Realistisch entlastend ist heute alles, wo sich ein Entwurf schneller erstellen lässt, als man ihn selbst schreiben würde: Material auf verschiedene Niveaus differenzieren, Texte sprachlich anpassen, Aufgaben und Testfragen erzeugen, Feedbackentwürfe erstellen, Elternkommunikation, Übersetzungen für Schülerinnen und Schüler die noch nicht ausreichend gut Deutsch verstehen.
Überschätzt werden drei Dinge: Erstens die Korrektur und Bewertung von Leistungen – das ist weder pädagogisch noch rechtlich delegierbar, und die Ergebnisse sind für Noten nicht belastbar. Zweitens die vollständige Unterrichtsplanung: Ohne Kenntnis des Bildungsplans und der konkreten Anforderungen der Schule oder der Klasse ist ein automatisch erzeugter Verlaufsplan wenig hilfreich. Hier braucht es immer auch das Kontextwissen der Lehrperson. Drittens die Annahme, der Zeitgewinn entsteht sofort. Die ersten Wochen oder Monate kosten Zeit; wer das nicht einplant, bricht ab.
Lehrkräfte und Ausbilder können nur vermitteln, womit sie selbst sicher umgehen können. Welche Form der Weiterbildung hat sich aus Ihrer Erfahrung bewährt? Aus unserer Arbeit mit kleinen und mittleren Unternehmen wissen wir, dass umfangreiche Standardangebote häufig nur begrenzt genutzt werden. Erfolgreicher sind vielfach niedrigschwellige, konkrete und unmittelbar anwendbare Formate, die an tatsächlichen Aufgabenstellungen ansetzen.
Bewährt hat sich eine Kombination aus vier Dingen. Erstens kurze Formate von 30 bis 60 Minuten, an einer echten Aufgabe, mit einem verwendbaren Ergebnis am Ende. Wer nach einer Fortbildung ein fertiges Produkt für die eigene Klasse mitnimmt, kommt wieder. Zweitens Zeitsouveränität: Ein großer Teil der Fortbildung findet abends, am Wochenende und in den Ferien statt. Selbstlernangebote müssen das zulassen. Drittens Multiplikatoren im Kollegium: Kolleginnen und Kollegen, die ansprechbar sind, entlasten Lehrkräfte, die neu dabei sind. Viertens verbindliche Zeitfenster: Fortbildung, die zusätzlich zur Arbeitszeit stattfindet, erreicht die ohnehin Engagierten und sonst niemanden.
Was nicht funktioniert: die einmalige Ganztagsveranstaltung ohne Anschluss. Und Fortbildung ohne Zugang zum Werkzeug am Tag danach – das ist eine häufige Ursache für verpuffte Angebote. Umgekehrt gilt genauso: Lizenzen ohne Einführung und Begleitung werden oft kaum genutzt.
Die berufliche Ausbildung findet an zwei Lernorten statt. Neben Lehrkräften spielen betriebliche Ausbilderinnen und Ausbilder eine zentrale Rolle. Deshalb sollten berufliche Schulen und Ausbildungsbetriebe möglichst nicht getrennt voneinander an digitalen Kompetenzen arbeiten. Lassen sich Ihre Erfahrungen aus der Lehrerfortbildung auch auf die betriebliche Ausbildung übertragen?
Ausbilderinnen und Ausbilder haben keine Fortbildungsstruktur wie Schulen – keine schulinternen Fortbildungstage, oft ist Ausbildung eine Teilaufgabe neben dem eigentlichen Job. Formate müssen deshalb kürzer und stärker an konkreten Ausbildungsinhalten hängen.
Der größte Bedarf, den wir sehen, ist unspektakulär: Klarheit darüber, was erlaubt ist. Gibt es eine betriebliche Regelung? Welche Systeme sind freigegeben? Welche Daten darf ich in einen Prompt schreiben? Darüber hinaus wären Beispiel-Lernaufträge mit KI-Nutzung und konkrete Ansätze zur Identifikation von Eigenleistung hilfreich.
Wir überlegen, ob wir auch berufliche Schulen im Nordschwarzwald im Rahmen des Transformationsnetzwerks beim Zugang zu digitalen Fortbildungs- und KI-Angeboten unterstützen können. Welche Voraussetzungen wären aus Ihrer Sicht für ein solches regionales Vorhaben wichtig?
Entscheidend ist, dass am Anfang nicht die Beschaffung steht, sondern das Gespräch mit den Schulen, die mit KI arbeiten wollen. Dazu braucht es pro Schule eine benannte Ansprechperson, möglichst mit der Schulleitung im Rücken, und zwei bis drei konkrete Nutzungsszenarien, an denen man nach einem Jahr etwas erkennen kann. Die Datenschutzfragen sollten vorab geklärt sein – das ist erfahrungsgemäß der häufigste Verzögerungsgrund, nicht die Technik. Ein Pilot mit ausgewählten Schulen unterschiedlicher Bildungsgänge ist auch oft empfehlenswert – wobei sich viele Schulen auch schon vorher auf den Weg gemacht haben und wissen, welche Tools sie gerne hätten. Das sollte unbedingt berücksichtigt werden.
Was wäre aus Ihrer Sicht ein realistischer nächster Schritt, um digitale und KI-bezogene Kompetenzen an beruflichen Schulen im Nordschwarzwald konkret zu stärken?
Ich würde mit einem Gesprächstermin beginnen: drei bis fünf interessierte berufliche Schulen, IHK und Handwerkskammer, dazu zwei oder drei Ausbildungsbetriebe. Daraus lässt sich zum nächsten Schuljahr ein Pilot aufsetzen, den wir mit Workshops begleiten. Die Teilnahme sollte freiwillig sein, aber da machen wir uns wenig Sorgen, das Interesse ist gerade an beruflichen Schulen groß. Ich bringe mich gern ein, auch persönlich: Über meine Familie habe ich einen engen Bezug zur Region.
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