Wer nur in den Rückspiegel schaut, verpasst die nächste Abzweigung
Liebe Leserinnen und Leser,
die wirtschaftliche Lage bleibt anspruchsvoll. Besonders die Automobil- und Zulieferindustrie steht unter erheblichem Veränderungsdruck. Neue Wettbewerber, technologische Umbrüche, steigende Kosten und veränderte Märkte treffen auf Unternehmen, die gleichzeitig investieren, Fachkräfte suchen und ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln müssen.
Hinzu kommt eine geopolitische Lage, die Unternehmen wieder sehr unmittelbar trifft. Steigende Energie- und Rohstoffpreise sowie neue Risiken für internationale Lieferketten zeigen einmal mehr, wie schnell aus einem politischen Konflikt weit entfernt von unserer Region eine konkrete betriebswirtschaftliche Herausforderung im Nordschwarzwald werden kann.
Eine aktuelle Befragung unter 550 Interim Managern geht mit der deutschen Automobilindustrie hart ins Gericht. Sehr hart sogar. Kritisiert werden unter anderem Selbstüberschätzung in Teilen des Managements, mangelnde Weitsicht, Defizite bei Software und Innovation, eine zu geringe Nähe zum Kunden und das zu lange Festhalten an bisherigen Produktionsmethoden.
Man muss diese Kritik nicht in ihrer ganzen Schärfe teilen. Ich tue das auch nicht.
Trotzdem sollten wir den Kern der Aussage ernst nehmen. Die schwierige Lage unserer Industrie allein mit Energiepreisen, politischen Entscheidungen, Bürokratie oder dem Wettbewerb aus China zu erklären, greift zu kurz. Auch Unternehmen müssen sich fragen, wo Entwicklungen zu spät erkannt, Warnzeichen übersehen oder erfolgreiche Geschäftsmodelle zu lange fortgeschrieben wurden.
Was gestern funktioniert hat, muss morgen nicht mehr tragen.
Das gilt auch für den Nordschwarzwald. Unsere Region verfügt über leistungsfähige Unternehmen, hohe Kompetenz in der Produktion und viel Erfahrung – gerade in der Automobil- und Zulieferindustrie. Das ist eine gute Ausgangsbasis. Aber selbst die beste Fertigungskompetenz erschließt nicht automatisch neue Kunden und Märkte.
Wie wichtig der Blick nach vorne ist, konnte ich vor wenigen Tagen bei den Paper Days von Bellmer in Niefern-Öschelbronn erleben. Bellmer ist seit Generationen in unserer Region verwurzelt und gleichzeitig international erfolgreich. Kunden, Partner und Fachleute aus zahlreichen Ländern kommen dort zusammen, um über neue Technologien, Energieeffizienz, Automatisierung und die Zukunft der Papierindustrie zu diskutieren. Ich gebe gerne zu: Als Nichttechniker verstehe ich bei diesen hoch spezialisierten Themen bei weitem nicht jedes technische Detail. Sehr deutlich wird aber etwas anderes: Erfolgreiche Kundenbindung entsteht aus technologischer Kompetenz, persönlichem Vertrauen, der Bereitschaft zur Weiterentwicklung und einem internationalen Netzwerk, das über viele Jahre aufgebaut wurde.
Gerade in einer Zeit, in der Zölle, Handelskonflikte und geopolitische Spannungen wieder zunehmen, wird an einem solchen Beispiel deutlich, welchen Wert offene Märkte und über Jahrzehnte gewachsene internationale Kundenbeziehungen für unsere Unternehmen haben. Für mich ist Bellmer mit den drei Brüdern Erich, Martin und Philipp Kollmar und einem starken Team damit ein gutes Beispiel dafür, was unseren inhabergeführten Mittelstand stark macht – und was wir für die Zukunft erhalten und weiterentwickeln müssen.
Dazu gehört auch, neue Märkte in den Blick zu nehmen. Energiespeicher, Leistungselektronik, Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Kreislaufwirtschaft oder andere Zukunftsfelder können für Unternehmen aus unserer Region interessant sein. Aber neue Märkte sind keine Speisekarte, von der sich jedes Unternehmen einfach etwas aussuchen kann. Entscheidend ist, welche Geschäftsfelder tatsächlich zu den eigenen Technologien, Kompetenzen und Kapazitäten passen. Genau an diesem Punkt setzt unsere Arbeit als Wirtschaftsförderung an.
In diesem Newsletter berichten wir deshalb über Veränderungen in der internationalen Zulieferindustrie, über Unternehmen aus unserer Region und über neue Marktchancen. Wir beschäftigen uns mit künstlicher Intelligenz, Cyber Resilience, Kompetenzmanagement und Robotik. Und mit unserer gemeinsam mit der Agentur für Arbeit entwickelten Arbeitsmarkt-Drehscheibe wollen wir dort schneller Verbindungen schaffen, wo auf der einen Seite Beschäftigung abgebaut wird und auf der anderen Seite Unternehmen dringend Fachkräfte suchen.
Dass der Ausbildungsmarkt im Nordschwarzwald trotz schwieriger Konjunktur vergleichsweise stabil bleibt, ist dabei ein positives Signal. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, dass wir Fachkräfteangebot und Personalbedarf künftig noch schneller zusammenbringen müssen. Diese wirtschaftliche Entwicklung hat für mich auch eine gesellschaftliche Dimension.
Die jüngsten Wahlergebnisse in Deutschland haben erneut gezeigt, wie groß die Unzufriedenheit und Verunsicherung in Teilen der Bevölkerung geworden ist. Man kann solche Entwicklungen nicht einfach mit Empörung beantworten. Viele Menschen machen sich Sorgen um Arbeitsplätze, steigende Kosten und um die Frage, ob Politik Probleme noch wirksam lösen kann. Diese Sorgen müssen ernst genommen werden. Gleichzeitig zeigt mir meine tägliche Arbeit mit Unternehmen sehr deutlich: Unser Wohlstand ist keine Selbstverständlichkeit.
Gerade eine exportorientierte Wirtschaftsregion wie der Nordschwarzwald braucht offene Märkte, ein starkes Europa, internationale Kunden und Investitionen sowie qualifizierte Fachkräfte. Gleichzeitig brauchen unsere Unternehmen weniger Bürokratie, schnellere Entscheidungen, eine leistungsfähige Infrastruktur, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen und mehr Freiraum für Innovation. Das eine gegen das andere auszuspielen, wird nicht funktionieren.
Wirtschaftliche Stärke und gesellschaftliche Stabilität hängen aus meiner Sicht eng zusammen. Je besser es gelingt, Unternehmen Perspektiven zu geben, Arbeitsplätze zu sichern und Veränderung konkret zu gestalten, desto eher entsteht auch wieder Vertrauen in die Handlungsfähigkeit unseres Landes.
Transformation bedeutet deshalb nicht, alles Bisherige infrage zu stellen. Es geht darum, vorhandene Stärken realistisch zu bewerten und rechtzeitig weiterzuentwickeln. Dazu gehören auch unbequeme Fragen: Wo sind wir wirklich wettbewerbsfähig? Welche Entwicklungen haben wir möglicherweise unterschätzt? Wo fehlen uns Kompetenzen? Welche neuen Kunden und Märkte können zu unserem Unternehmen passen?
Selbstkritik ist keine Führungsschwäche. Sie schützt davor, den Erfolg der Vergangenheit mit einem Anspruch auf Zukunft zu verwechseln. Als Wirtschaftsförderung können wir Unternehmen diese Entscheidungen nicht abnehmen. Wir können aber Informationen bereitstellen, Kontakte herstellen, neue Märkte sichtbar machen, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenbringen und konkrete Unterstützung organisieren.
Genau darin sehen wir unsere Aufgabe für die Unternehmen und für eine wirtschaftlich starke, innovative und weltoffene Region Nordschwarzwald.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.
Herzliche Grüße
Jochen Protzer
Geschäftsführer
Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald GmbH