Die deutsche Automobilindustrie steckt in ihrer wohl schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Was sich im öffentlichen Diskurs oft auf die schwächelnde Nachfrage nach Elektroautos oder die Chipkrise verengt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein struktureller Machtverlust, der tief in die Wertschöpfungsketten hineinwirkt. Die aktuellen Zahlen der Strategy&-Studie „Automobilzulieferer 2026“ sind ein Weckruf – und die Region Nordschwarzwald mit ihrem Transformationsnetzwerk könnte ein Teil der Antwort sein.
Die nackten Zahlen: Ein Siebtel der chinesischen Profitabilität
Asiatische Automobilzulieferer kontrollieren mittlerweile 49 Prozent des weltweiten Marktes. Deutsche Anbieter hingegen verlieren kontinuierlich an Boden: Ihr Marktanteil sank von 26 Prozent im Jahr 2015 auf nur noch 23 Prozent im Jahr 2025.
Besonders dramatisch fällt die Entwicklung bei der Profitabilität aus: Der Gewinn pro Mitarbeiter bei deutschen Zulieferern ist seit 2019 jedes Jahr um durchschnittlich neun Prozent gesunken und liegt nun bei nur noch 4.190 Euro – weniger als ein Siebtel des chinesischen Werts von 30.320 Euro.
Die chinesischen Zulieferer haben ihren Marktanteil seit 2015 von fünf auf 14 Prozent fast verdreifacht – ein Wachstum, das maßgeblich durch die Dominanz bei Batterien für Elektrofahrzeuge vorangetrieben wurde. Mit 6,9 Prozent Umsatzanteil in diesem zukunftsentscheidenden Segment haben sie die westliche Konkurrenz längst abgehängt. CATL, der weltweit führende Batteriehersteller, erzielte 2025 einen Rekordnettogewinn von umgerechnet 10,4 Milliarden US-Dollar.
Die Gesamtumsätze der Top-100-Zulieferer sanken sogar um drei Prozent, während die Automobilhersteller selbst um zehn Prozent wuchsen.
Die Altlasten der Boomjahre
Doch die Misere der deutschen Zulieferer ist nicht allein auf externe Faktoren zurückzuführen. Strategy&-Partner Henning Rennert benennt eine fatale Abwärtsspirale: „Die sinkende Nachfrage, insbesondere der europäischen Autohersteller, zwingt sie zu Kosten- und Kapazitätsanpassungen, während die Kredite für das Wachstum in den Boomjahren auf die Bilanz drücken. Diese hohe Zinslast frisst heute große Teile des operativen Gewinns“.
Ein paradigmatisches Beispiel ist ZF Friedrichshafen, der zweitgrößte deutsche Autozulieferer. Das Unternehmen wies für 2025 einen Nettoverlust von 2,1 Milliarden Euro aus und sitzt auf einem Schuldenberg von 10,2 Milliarden Euro.
Während die zehn größten Autohersteller ihren gemeinsamen Umsatz 2025 um zehn Prozent auf 1,93 Billionen Euro steigerten, sank der Umsatz der Top-100-Zulieferer um drei Prozent auf 1,12 Billionen Euro. Die Zulieferer partizipieren nicht am weltweiten Wachstum der Automobilindustrie – sie fallen zurück.
Die vier Handlungsfelder der Strategy&-Studie
Die Studie identifiziert vier konkrete Handlungsfelder für den Weg aus der Krise:
1. Branchenweite Kooperationen zwischen Herstellern und Zulieferern statt Wettbewerbsdenken
2. Bewahrung mechanischer und mechatronischer Stärken, aber intelligente Kombination mit Software und KI
3. Deutliche Beschleunigung der Restrukturierung – Schuldenabbau und Kapazitätsanpassung dürfen nicht länger aufgeschoben werden
4. Unternehmerische Haltung statt Hoffnung auf Markterholung oder staatliche Hilfen
Dabei zeigen sich die Gewinnpotenziale deutlich: Globale Halbleiterhersteller und chinesische Batteriefirmen erreichen EBIT-Margen von bis zu 28 Prozent, während klassische Zulieferer im niedrigen einstelligen Bereich steckenbleiben.
Checkliste für Unternehmen im Nordschwarzwald
Die folgenden sieben Handlungsfelder lassen sich aus der Studienlage für die praktische Arbeit in der Region ableiten:
Die Region Nordschwarzwald als Vorreiter der Transformation
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Transformation im Nordschwarzwald eine bemerkenswerte strategische Bedeutung. Die Region ist vom Strukturwandel in der Automobil- und Zulieferindustrie unmittelbar betroffen: Rund 1.300 Automotive-Zulieferer mit knapp 30.000 Beschäftigten sind hier ansässig.
Um diese Unternehmen in ihrem Transformationsprozess gezielt zu unterstützen, wurde 2022 das Transformationsnetzwerk Nordschwarzwald (TraFoNetz) unter Führung der Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald GmbH aufgebaut. Das Netzwerk bringt Unternehmen, Wissenschaft und Gesellschaft zusammen, um die Region zu einem führenden Standort für innovative Unternehmen und zukunftsfähige Technologien zu machen.
Die bisherige Bilanz von TraFoNetz ist beeindruckend: Rund 350 Unternehmensbesuche, mehr als 170 Veranstaltungen und über 11.000 erreichte Teilnehmende belegen die Reichweite und den Mehrwert des Netzwerks.
Mit der positiven Bewertung der Antragsskizze für TraFoNetz 2.0 hat die Region nun grünes Licht aus Berlin erhalten. Die nächste Förderphase von Januar 2027 bis Dezember 2029 soll den Fokus gezielt auf Verstetigung, datengestützte Steuerung und verbindliche Umsetzungsformate legen. Das beantragte Fördervolumen für die drei Projektjahre beträgt knapp 5,4 Millionen Euro, die vollständig durch Bundesmittel finanziert werden sollen.
Die deutschen Automobilzulieferer drohen nicht durch mangelnde Ingenieurskunst zu scheitern, sondern durch zu langsames Handeln. Die Region Nordschwarzwald hat mit TraFoNetz eine strukturelle Antwort auf diese Herausforderung gefunden. Die Studie von Strategy& macht deutlich: Die Zeit drängt. Wer heute nicht umsteuert, wird morgen von der zweiten Riege chinesischer Zulieferer überholt. Die Transformation im Nordschwarzwald kann der Katalysator für genau jene schlankeren Strukturen sein, ohne die die Innovationsfähigkeit deutscher Zulieferer auf der Strecke bleibt.
Autor: Prof. Bernhard Koelmel, Transformationsbeirat
