Wagon Automotive in Nagold zeigte sich bei der jüngsten Veranstaltung der Reihe TraFoNetz-Connect als Paradebeispiel dafür, wie der Wandel angepackt werden kann. „Mit seiner technologischen Agilität und langfristiger Auftragssicherung ist das Unternehmen ein Mutmacher für die gesamte Region“, resümierte Matthias Friedrich, Connect-Organisator und Teilprojektleiter des Transformationsnetzwerks (TraFoNetz) Nordschwarzwald.
Die Bewältigung des Wandels in der Automobilindustrie erfordert technologische Flexibilität, eine stabile Auftragslage und eine vorausschauende Ausrichtung. Wie diese Faktoren in der Praxis zusammenwirken, stand im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe „TraFoNetz Connect“ des Transformationsnetzwerks Nordschwarzwald, bei der die Wagon Automotive Nagold GmbH als Gastgeber fungierte. Die Teilnehmer erhielten dabei die Gelegenheit, sich vor Ort über die aktuellen Entwicklungen des Unternehmens zu informieren.
Rolf Gaßner, Geschäftsführer von Wagon Automotive, stellte den Automobilzulieferer vor und ging dabei auch auf die Unternehmensgeschichte ein. Das 1933 als Wackenhut in Altensteig gegründete Traditionsunternehmen gehört heute zur italienischen Tiberina Gruppe. Am Standort Nagold, dem Kern der deutschen Aktivitäten, sind rund 680 Mitarbeitende beschäftigt. Als Tier-1-Zulieferererwirtschaften die deutschen Standorte einen Gesamtumsatz von rund 300 Millionen Euro. Auf einer bebauten Fläche von 120.000 Quadratmetern in Nagold fertigt das Werk komplexe Blechpressteile und Zusammenbauten, unter anderem für Kunden wie Mercedes-Benz, Porsche, Daimler Truck und AMG. Zum Produktionsspektrum gehören beispielsweise Seitenteile innen für die S-Klasse, alle Dachsysteme und Seitenteile für den Actros der Daimler Truck AG, sowie Kabinen für den Unimog und den Zetros.
Ein Schwerpunkt des Betriebsrundgangs lag auf der technologischen Flexibilität der hochautomatisierten Anlagen, die in Summe mit mehr als 550 Robotern ausgestattet sind. Diese Struktur ermöglicht es dem Unternehmen, agil auf Marktschwankungen zu reagieren. „Wir können die Anlagen flexibel auf die Kundenbedarfe von Verbrennungsmotoren oder rein elektrischen Antrieben ausrichten“, erklärte Gaßner. Diese Unabhängigkeit von bestimmten Antriebskonzepten stellt für Wagon Automotive eine wichtige strategische Basis dar.
Hinsichtlich der Auslastung zeigt sich das Unternehmen mit der aktuellen Auftragslage zufrieden, besonders unter Berücksichtigung der angespannten Situation in der Automotive-Branche. Durch die Vergabe von Folgeaufträgen für das aktuelle Bestandsgeschäft ist eine solide Grundauslastung für die kommenden Jahre absehbar. Geschäftsführer Rolf Gaßner betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung dieser langfristigen Partnerschaften für die Stabilität des Standorts.
Wie intensiv und langwierig der Weg bis zu einem solchen Serienanlauf ist, erläuterte Key Account Manager Thomas Sackmann. Von der ersten Kundenidee bis zum Start of Production (SOP) vergehen im Vertrieb oft dreieinhalb Jahre, die von detaillierten Kalkulationen und Verhandlungen geprägt sind. Im Premium-Segment der Automobilindustrie herrscht dabei eine sehr hohe Kostentransparenz, bei der im Zuge des sogenannten „Price Breakdown“ sämtliche Faktoren für Material, Energie und Arbeit offengelegt werden.
Abschließend wurde auch der logistische Aufwand thematisiert, der für die Belieferung der Automobilhersteller notwendig ist. Um die Produktion unserer Kunden termingerecht zu beliefern, sind täglich bis zu 120 LKW-Transporte zwischen Nagold und den Kundenwerken erforderlich, was eine präzise getaktete Logistikkette erfordert. Transformation bedeute jedoch mehr als Roboter und Investitionen in Millionenhöhe. Ein entscheidender Faktor bleibe der Mensch, machte TraFoNetz-Projektmanagerin Veronika Erler deutlich. Sie präsentierte maßgeschneiderte Weiterbildungsmodule, die auf einer umfassenden „Future Skills Studie“ basieren. Diese Studie habe 12.000 Einzelkompetenzen analysiert, die für die automobile Zukunft im Nordschwarzwald essenziell seien. Erlers Ansatz bricht mit klassischem Frontalunterricht: „Es ging nicht drum irgendeine fertige Schulungsprogramm zu machen, sondern eine Lernanleitung, mit der die Mitarbeitende gezielt Kompetenzen aufbauen können“. Das Ziel: „Lernen im Arbeitsprozess“, praxisnah und direkt in den Alltag integriert.
Dass dieser Wandel nur im Team gelingt, verdeutlichte Jochen Protzer, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald (WFG), die das Projekt TraFoNetz federführend betreut. Für ihn ist Wagon Automotive ein Paradebeispiel, das zeigt, wie komplexe industrielle Wertschöpfung trotz hohem Druck erfolgreich bleibt. Die WFG versteht sich Protzer zufolge als Agentur der Region, die Unternehmen, Forschung und Kommunen vernetzt, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Der Wandel sei kein Selbstläufer, er erfordere Mut und Kooperation. Der WFG-Geschäftsführer zog einen bildhaften Vergleich: Transformation sei für den Nordschwarzwald kein gemütlicher Spaziergang, sondern eine anspruchsvolle Tour, die Ausdauer, Orientierung und vor allem verlässliche Wegbegleiter braucht. Sein Plädoyer für den Standort: „Man darf die starke industrielle Basis nicht als selbstverständlich betrachten. Wir brauchen Geschwindigkeit, Zusammenarbeit und die notwendige Veränderungsbereitschaft“. Wenn dieser Spirit wie bei Wagon gelebt werde, dann sei Transformation kein Risiko, sondern das Sprungbrett in eine zukunftsfähige industrielle Basis für die Region Nordschwarzwald.
Quelle: Gerd Lache